Regionale Lebensmittel – Think outside the Box

Es ist Sommer und das Land lebt. Nun zumindest die Landwirte in meiner Nachbarschaft leben, ich kann sie riechen. Dieser wunderbare Geruch von niederländischer und heimischer Gülle zieht über das Land und es wird gejammert, dass das bald nicht mehr möglich ist. Leute, wer 60 Jahre auf das falsche Pferd setzt, braucht sich nicht zu wundern, wenn es irgendwann tot unter einem zusammen bricht. Die jetzige Krise als Grund zu nutzen um mit großem Mimimi um Aufschub zu betteln bringt auch nichts! Was bitte ist an Tapetenkleister systemrelevant oder wofür baut ihr die extrem stärkehaltigen Kartoffeln an? Klar finde auch ich es beeindruckend was ihr aus dem Land herausholt und was ihr mit deutlich weniger Angestellten schafft aber das Problem liegt an einer anderen Stelle. Vielleicht solltet ihr mal überlegen warum viele Menschen nicht bereit sind euch und eure Produkte anständig zu bezahlen! Das Image das eure Sprecher über Jahrzehnte in den Medien aufgebaut haben trägt auf jeden Fall nicht dazu bei euch ernst zu nehmen, also absteigen von dem toten Gaul und mal was anderes probieren. Ich gehöre noch zu der Generation die mit den täglichen Wasserstandsmeldungen über die Größe des Milchsees und die Höhe des Butterberges aufgewachsen ist.

Gülle für Felder und Fettwiesen (Frühjahr 2021)

Wie wäre es wenn ihr entweder einzeln oder zusammen anfangt eure Waren direkt zu vermarkten, ich kaufe meine Kartoffeln jedenfalls lieber bei einem regionalen Bauern als die afrikanischen bei Aldi, Lidl und Co. Obst und Gemüse sowieso. Da ist es nicht hilfreich, wenn man vor seinem Einzelgehöft an der Landstraße wo die Autos mit Tempo 100 vorbeidonnern ein kleines Schild mit den Öffnungszeiten anbringt und es auch nicht möglich ist die Einfahrt zu erkennen oder sich sonst wie zu informieren. Der die Bundesstraße begleitende Radweg läuft dann auch auf der anderen Straßenseite, die muss man dann auch noch überqueren ohne unter dem nächstbesten LKW zu landen. Die andere Variante dieser genialen Erreichbarkeit ist der Radweg verläuft auf der gleichen Seite wie der Hof und es ist nötig auf schnelle Radfahrer und Autos mit Tempo 100 gleichzeitig zu achten, als Landbewohner ist man dann auch schon mal mit dem Auto unterwegs da der Hof gute 13 km entfernt ist und es wie aus Eimern schüttet.

Ich amüsiere mich immer wieder köstlich, wenn meine in der Stadt lebenden Freunde sagen: „Du lebst auf dem Dorf! Da kann man doch in diesen schönen kleinen Hofläden einkaufen und ganz viele leckere vor Ort produzierte Lebensmittel kaufen“. Ja schön wäre es, das was hier in der Jülicher Börde hauptsächlich angebaut wird sind Zuckerrüben und Kartoffeln (letztere nicht unbedingt für den menschlichen Verzehr, siehe oben). Obst und Gemüse sucht man hier in einer Region deren Böden zu den besten Ackerböden Deutschlands gehört fast vergeblich. Die wenigen Betriebe, die es gibt fallen vor allem zur Erntezeit durch ihre osteuropäischen Erntearbeiter:innen auf, die meisten davon kommen seit Jahren, leben in Containern und arbeiten zum Teil für wenig Geld.

Das Finden dieser Läden, oder von Erzeugern, die ab Hof verkaufen ist das Problem. Wenn man die Betriebe nicht kennt ist man aufgeschmissen, die wenigsten haben eine Internetseite auf der Angebot und Öffnungszeiten stehen.  Vor einiger Zeit gab es einen Einkaufsführer für Öko-Lebensmittel im Kreis Düren vom Kreisverband Düren Bündnis 90/Die Grünen, aber das Projekt wurde wohl nicht weiterverfolgt, und umfasste auch nur Ökohöfe. Leider enden solche Projekte auch meist an den Grenzen des Landkreises, für Menschen wie uns die am Rande eines Kreises leben fehlen dann die wesentlich näheren Einkaufsmöglichkeiten im Nachbarkreis. Also bleibt nur von Dorf zu Dorf und von Hof zu Hof zu ziehen um Hofläden zu finden.

Am Straßenrand versteckt hinter parkenden Autos im Nachbardorf.

Von Dorf zu Dorf zu ziehen über Land ist für viele Menschen eine Herausforderung, ohne halbwegs funktionierenden öffentlichen Personen-Nahverkehr, der nicht an der Kreis-oder Gemeindegrenze endet, dessen Fahrzeiten eher ausgewürfelt zu sein scheinen als einen Bedarf abzudecken. Nicht alle Menschen möchten oder können ihre Besorgungen mit dem Auto machen. Über die Radwege breiten wir auch besser einen Mantel des Schweigens. Hier geht es übrigens nicht nur um die Menschen, die das Auto „ablehnen“ sondern auch um die, die entweder aus gesundheitlichen Gründen kein Auto fahren können oder sonst welche Einschränkungen haben. Alter und Finanzen gehören da auch zu. 

Und fehlenden Absatz im Direktverkauf als Begründung dafür zu nehmen, dass Direktvertrieb unsinnig ist, ist auch keine gute Idee. Erstens wie soll man euch denn finden? Zweitens vielleicht ist es auch ein Hinweis darauf, dass man an den Bedürfnissen der heimischen Bevölkerung vorbei produziert. Was soll ich mit Kram der vom lokalen Landwirt genau so schmeckt wie die Massenware aus dem Supermarkt? Das Zauberwort heißt Geschmack und Obst und Gemüse Sorten mit eben diesem. Eure Lobbyisten haben glaube ich ein paar Tage zu lange auf Masse statt Klasse gesetzt. Also runter vom toten Gaul und anfangen selbstständig zu denken. Das Zauberwort lautet: Think outside the Box!

Meine Ideen:

  • Stadtplaner und Politiker gebt euren Landwirten die Möglichkeit für sich zu werben.
  • Gebt ihnen Raum in euren Kommunen um ihre Produkte anzubieten sei es durch Belebung von Wochenmärkten oder sonstige mobile oder feste Verkaufsstellen.
  • Landwirte haltet eure Nachbarn und Kunden nicht für dümmer als sie sind, es kommt nicht gut wenn man sie tagelang in Gestank und Staub hält und sich dann wundert, wenn man bei ihnen nichts los wird.
  • Holt die Lebensmittelproduktion und ihre Verarbeitung zurück in die Schulen – nur so lernt jedes Kind das es ein Kilo Zwiebeln nicht für 50 Cent geben kann.
  • Belächelt nicht jeden der für den Eigenbedarf Produkte anbaut, er wird seine Gründe haben.
  • Lasst euch auf das Abenteuer Geschmack ein, es könnte lecker sein.

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